Collection

Figuren: Psyche betrachtet den schlafenden Amor

Artist
Modell: Anton Grassi (1755-1807) (?)
Locality
Wien
Date
um 1795-1815
Material
Biskuitporzellan, vergoldet, glasiert
Dimensions
H. (gesamt) 44,, H. (Gruppe) 29 cm, H. (Sockel) 15 cm, B. (Sockel) 26,7 cm, T. (Sockel) 17,8 cm
Location
Fürstliche Schatzkammer Thurn und Taxis
Inventory Number
93/415.1-2
Relation
Acquisition
Öffentlich-rechtlicher Übertragungsvertrag 1993, Fürst Thurn und Taxis Kunstsammlungen, Regensburg

Bei den fünf Wiener Biskuitgruppen mit Darstellungen aus der Geschichte von Amor und Psyche dürfte es sich um Aufsätze auf der höfischen Tafel und nicht um Einrichtungsstücke zur freien Aufstellung auf Möbeln handeln, da sie gemeinsam mit den Porzellanservicen des Hauses Thurn und Taxis in einem Inventar von 1873 aufgelistet sind. Man darf sich diese Biskuitgruppen daher als Mittelpunkt einer festlich gedeckten Desserttafel vorstellen. Dabei entsprachen sie sowohl im Hinblick auf das gewählte Material als auch auf die Thematik ihrer Darstellung dem auf die Vorbildlichkeit der Antike ausgerichteten Geschmack des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Biskuit, eine Porzellanmasse, die zweimal unglasiert gebrannt und fast immer unbemalt belassen wurde, erinnert mit ihrer matten Oberfläche nicht von ungefähr an das Material Gips, aus dem die zur Winckelmann-Zeit so geschätzten Abgüsse antiker Skulpturen gefertigt wurden. Seit den siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts verdrängte das Biskuitporzellan nach und nach die nunmehr wenig geschätzten, bunt staffierten Porzellanfiguren des Rokoko von der höfischen Tafel. Diesem Modetrend hatte sich auch Konrad Sörgel von Sorgenthal, seit 1784 Direktor der Wiener Porzellanmanufaktur, verschrieben. Als Vorbild dienten ihm zunächst Gruppen aus Sèvres, wo man bereits seit 1753 die Technik des Biskuitporzellans zur Blüte geführt hatte.
Die fünf Wiener Biskuitgruppen des Hauses Thurn und Taxis stellen Szenen aus dem Märchen von "Amor und Psyche" dar, das der römische Schriftsteller Apuleius seinen Metamorphosen - einem besser unter dem Titel "Der goldene Esel" bekannten Roman - eingefügt hatte. Das Märchen berichtet, wie die Königstochter Psyche durch ihre Schönheit die Eifersucht der Liebesgöttin Venus erregte, die ihren Sohn Amor aussandte, um Psyche zu demütigen. Doch statt zu strafen, verliebte sich Amor in Psyche und ließ sie durch den Windgott Zephir in seinen goldschimmernden Palast bringen. Obwohl Amor seine göttliche Identität nicht preisgeben durfte, versuchte Psyche entgegen aller Warnungen, einen Blick auf den immer nur im Dunkeln sich ihr zugesellenden Geliebten zu erhaschen. Als sie eine Lampe über den Schlafenden hielt (Kat.-Nr. 103 a), fiel ein Tropfen heißes Öl herab und weckte Amor, der Psyche daraufhin im Zorn verließ. Auf der Suche nach ihm irrte Psyche umher und unterwarf sich schließlich Venus, die ihr jedoch harte Prüfungen und Leiden auferlegte. Nach einigen Proben, die Psyche mit Hilfe von Tieren oder Pflanzen bestand, verlangte Venus einen Krug Wasser aus dem von steilem Felsen herabstürzenden Quell, der die stygischen Sümpfe bewässert und von Drachen bewacht wurde. Diesmal kam der Adler Jupiters Psyche zu Hilfe (Kat.-Nr. 103 b). Schließlich entsandte Venus die von ihr unbarmherzig Geprüfte in die Unterwelt, um dort von Proserpina in einer verschlossenen Büchse Schönheit zu holen. Psyche löste diese äußerst schwierige Aufgabe, indem sie Charon, den Fährmann auf dem Fluß zur Unterwelt, mit zwei Münzen bestach und Zerberus, den dreiköpfigen Höllenhund, mit Grützeklößen köderte (Kat.-Nr. 103 c). Glücklich aus der Unterwelt zurückgekehrt, mißachtete Psyche das Verbot und öffnete die Büchse, um ihr Schönheit zu entnehmen, mit der sie dem Geliebten noch mehr zu gefallen suchte. Doch das Gefäß enthielt nicht Schönheit, sondern einen todesähnlichen Schlaf, in den Psyche sank. Diesmal rettete sie Amor selbst, der Psyche durch einen Kuß - bei Apuleius heißt es sehr viel prosaischer: durch ein Stichlein seines Pfeils - in das Leben zurück erweckte (Kat.-Nr. 103 d). Auf Amors drängende Bitten ließ schließlich der Göttervater Jupiter Psyche durch Merkur auf den Olymp erheben (Kat.-Nr. 103 e), wo er ihr Unsterblichkeit verlieh und sie mit Amor vermählte.
Aus stilistischen Gründen lassen sich die fünf Biskuitgruppen Anton Grassi zuschreiben, der 1785 zum Modellmeister der Wiener Porzellanmanufaktur ernannt wurde und bald die künstlerische Leitung über die gesamte Manufaktur übernahm. 1792 war Grassi von Konrad Sörgel von Sorgenthal, dem Direktor der Manufaktur, auf eine Italienreise gesandt worden, die bestimmenden Einfluß auf die stilistische Entwicklung des späteren Schaffens von Grassi haben sollte. Er studierte dort eingehend antike Skulpturen und hielt sie in Skizzen fest. Vor allem aber beeindruckten ihn die der Antike so wesensverwandten Werke Antonio Canovas, des bedeutendsten klassizistischen Bildhauers Italiens, der in Rom ein überaus erfolgreiches Atelier unterhielt.
Da alle fünf Porzellangruppen diesen römischen Einflüsse unmittelbar verpflichtet sind, dürfte Grassi seine Amor- und Psyche-Darstellungen wohl kurz nach der Rückkehr aus Italien entworfen haben. Den stärksten Eindruck hinterließ offensichtlich Canovas 1792 vollendete Gruppe mit der Darstellung der sich küssenden Amor und Psyche, deren raumgreifenden Kompositionsprinzipien Grassi in seiner Biskuitversion ersichtlich folgt. Im Unterschied dazu sind die übrigen Gruppen auf Vorder- und Rückansicht reduziert. Allen fünf Bildwerken jedoch ist die unpathetische, unterkühlt wirkende Wiedergabe der Szenen zu eigen, die im auffälligen Gegensatz zu den Spannungsmomenten der Romanvorlage steht. Charakteristische Merkmale der Skulpturen Grassis bieten dabei die schmalen, ernsten Gesichter, die wohlgeformten, schlanken Glieder und die dünnen, fast durchsichtigen Gewänder, unter denen überaus sinnlich erfaßte Körperpartien zu erahnen sind. Von der Grassi eigenen Eleganz zeugen auch Details wie die nackten Füße, die über den Umriß herausragen und nur sanft den Boden berühren. Die Sensibilität, mit der - bei aller Verhaltenheit - durch Blickkontakt und Körperbewegung die Protagonisten aufeinander bezogen sind, erweist Grassi als bedeutenden Bildhauer des Wiener Klassizismus.
Der Erfolg von Grassis Amor und Psyche-Serie erweist sich nicht zuletzt an den verschiedenen Ausformungen, von denen eine Folge von einem Fürsten von Esterhazy erworben wurde. Für die Serie aus Thurn und Taxis'schem Besitz fehlen dagegen bedauerlicherweise archivalische Hinweise auf die näheren Umstände der Erwerbung. Es ist daher nur zu vermuten, daß es sich hierbei um einen Ankauf des Fürsten Karl Alexander handelt, da die wohl um 1795 modellierten Gruppen und ihre Sockel erst 1810, 1811 beziehungsweise 1815 - also bereits nach Grassis Tod, jedoch zur Zeit anderer Erwerbungen des Fürsten Karl Alexander - ausgeformt wurden, wie die seit 1783 in alle Wiener Porzellane eingepreßten Jahreszahlen belegen. Der Bossierer war Johann Mohr, dessen Zeichen, ein eingepreßtes D, auf jeder der Gruppen mit Ausnahme der Merkurgruppe zu finden ist. Die eckigen Sockel wurden dagegen von Georg Ebert gearbeitet, die runden von Franz Dunkel gedreht, worauf deren eingepreßte Zeichen, ein "P" beziehungsweise eine "25", verweisen.

BV012190176
Zum Objekt: Mus-Kat. Thurn und Taxis Museum Regensburg. Höfische Kunst und Kultur, Reinhold Baumstark (Hrsg.), München 1998, S. 166-170, Abb. S. 165, Kat.-Nr. 103a

BV013309781
Zum Objekt: Elisabeth Sturm-Bednarczyk, Claudia Jobst, Wiener Porzellan des Klassizismus. Die Ära Conrad von Sorgenthal 1784-1805 (Edition Christian Brandstätter), Wien 2000, S. 42 mit Abb.

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Sammlung Thurn und Taxis

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