Sammlung

Tageskleid mit Bindeband und Mantel

Künstler/in
Entstehung
Datierung
um 1925
Material
Maße
Standort
Bayerisches Nationalmuseum (nicht ausgestellt)
Inventarnummer
2014/95.1-3
Bezug
Zugang
Ankauf 2014, Privatbesitz

Die Mode durchlief nach dem Ersten Weltkrieg radikale Veränderungen: Kniekurze Kleider selbst für den Abend, Kunstseidenstrümpfe und der Bubikopf revolutionierten althergebrachte Kleidungsgewohnheiten. Zwölf Damengewänder, die zur Garderobe einer eleganten Hamburgerin in den 1920er-Jahren gehörten, legen davon Zeugnis ab. Leider ist die ursprüngliche Trägerin heute unbekannt; sie war wahrscheinlich nicht mehr ganz jung, aber modisch vollkommen auf der Höhe ihrer Zeit. Außerdem muss sie vermögend gewesen sein, um sich solche mondänen Kleider leisten zu können. In Stil und Verarbeitung sind die Gewänder einander sehr ähnlich. Daher liegt die Vermutung nahe, dass sie alle aus demselben Schneideratelier stammen. Leider sind in den Kleidungsstücken keine Etiketten angebracht. Das war allerdings auch nicht üblich, wenn ein Modell für eine bestimmte Kundin nach Maß angefertigt wurde. Aber offensichtlich handelte es sich um ein exklusives Modehaus. Denn jede der Roben besticht durch besondere Details, wie etwa aufwendige Stickereien, Raffungen oder feinste Biesen, die alle sehr sorgfältig ausgeführt sind. Auch den Geschmack der Trägerin lassen ihre Kleider erkennen. Die streng geometrische Gestaltung, die die Mode im Geiste der Neuen Sachlichkeit vorschrieb, wird hier vielfach von verspielten Elementen wie Blumenmotiven oder der Verwendung von Spitzen aufgelockert. Für die Geschichte der Frauenmode im 20. Jahrhundert lässt sich hier ein charakteristisches Phänomen beobachten: In wirtschaftlich schwierigen Zeiten wurden die Kleider länger; dies gilt auch für die 1920er-Jahre. Der um 1918 bis 1920 wadenlange Rocksaum rutschte danach immer weiter nach unten, bis er ausgerechnet 1922/23, auf dem Höhepunkt der Inflation in Deutschland, am Knöchel angelangt war. Ab 1924, als sich die ökonomische Situation besserte, wurden die Kleider dann wieder kürzer, sodass 1926/27 die Damen sogar erstmals Knie zeigten. Doch bereits kurz vor dem »Schwarzen Freitag« im Oktober 1929 – dem Beginn der Weltwirtschaftskrise – trug man wieder wadenlange Kleider. Dies belegt, welch sensibler Indikator die Mode für gesellschaftliche Veränderungen war und ist. Die erhaltenen Hamburger Gewänder sind vornehmlich aus hauchdünnen Seidenstoffen gefertigt und – wie es damals hochgeschätzt war – mit schweren Perlen bestickt. Ein solches Konvolut fragiler Kostbarkeiten in Besitz zu bekommen, noch dazu von derselben Trägerin, stellt für ein Museum eine große Besonderheit dar. Zudem verkörpern die Modelle durch raffinierte Schnittführungen, exzellente Verarbeitung und erlesene Materialien die hohe Schneiderkunst jener Zeit.

BV002596995
Zum Objekt: Jahresbericht Bayerisches Nationalmuseum München 2014-2015, Renate Eikelmann (Hrsg.), München 2016, S. 30-31

Systematik

Kleidung [Bekleidung, Kostüm] - Kleid

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