Sammlung

Navicula - Sonnenuhr in Form eines Schiffes

Künstler/in
Entstehung
Mitteleuropa
Datierung
Mitte 16. Jh.
Material
Messing
Maße
H. 14,0 cm, B. 9,9 cm
Standort
Bayerisches Nationalmuseum (Saal 22)
Inventarnummer
L 2018/12
Bezug
Zugang
Unbefristete Leihannahme 2018, Privatbesitz, Aus dem Kunsthandel, Wien, Aus der Sammlung einer norditalienischen Familie

Die Vorderseite der Navicula (lat. ›Schiffchen‹) wird am Rumpf von den vertikalen Stundenlinien bestimmt, die oben von links nach rechts mit den Ziffern 1–12 für die Vormittagsstunden und von rechts nach links wiederum mit 1–12 für die Nachmittagsstunden bezeichnet sind. Am Kiel befindet sich eine Skala für den Kalender beziehungsweise Tierkreis, bei dem die einzelnen Tierkreiszeichen lateinisch abgekürzt wiedergegeben sind. Der Mast trägt die Gradeinteilung der Polhöhen von 20–70 Grad. Auf der Rückseite der Navicula sind sekundäre Angaben wie unter dem Bug- und dem Heckkastell eine zweiteilige Tabelle angebracht, der sich das Datum des Eintritts der Sonne in die einzelnen Tierkreiszeichen entnehmen lässt. Hinzu kommen unten links ein Schattenquadrat, unten rechts geschwungene Linien für die Temporalstunden und am Kiel ein Quadrant mit der Skala 0–90 Grad. Bug- und Heckkastell tragen ein Visier, um die Navicula korrekt in die Sonne ausrichten zu können. Zur Benützung ist mit dem (hier verlorenen) Schieber am Mast die Polhöhe einzustellen. Sodann wird der Mast so gekippt, dass seine Verlängerung am Kiel auf das korrekte Datum im Tierkreis zeigt. Eine bewegliche Perle an der Lotschnur, die an dem Schieber am Mast hing, ist an der Gradskala rechts auszurichten. Wenn die Navicula zur Sonne hin orientiert ist, lässt sich an der Überschneidung der Perle mit den vertikalen Stundenlinien die Uhrzeit ablesen. Die Erfindung der Navicula war ein wichtiger Schritt in der Entwicklung von Reisesonnenuhren, die das jeweilige Datum und die Polhöhe berücksichtigen mussten, bevor ab dem 18. Jahrhundert ausgereifte Taschenuhren verbreitet waren. Entwickelt wurde die Navicula wohl im 14. Jahrhundert im gelehrten Umfeld englischer Klöster. Exemplare des 15. Jahrhunderts haben sich in sehr geringer Zahl in Museen in Oxford, Greenwich, Genf und Florenz erhalten. Diese Navicula folgt in allen Teilen den früheren englischen Werken, nimmt aber mit dem Beginn des Sternbilds der Fische am 10. statt dem 12. Februar eine kleine Korrektur vor. Der französische Astronom Oronce Finé veröffentlichte 1532 die Navicula erstmals in gedruckter Form, wonach vielleicht auch dieses Exemplar entstanden ist. Zu dieser Zeit waren längst einfacher zu bedienende Sonnenuhren mit Kompass verbreitet, sodass der Navicula keine größere Zukunft beschieden war. Gleichwohl befanden sich Naviculae in verschiedenen Sammlungen, so auch 1598 in der Kunstkammer der bayerischen Herzöge in München: »Ein Compaßstockh in form eines schiffs.« Da als »Compaßstockh« mehrfach Sonnenuhren bezeichnet werden, die nicht unbedingt einen Kompass hatten, und andere schiffsförmige Sonnenuhren nicht bekannt sind, hat sich wahrscheinlich bereits vor über 400 Jahren eine Navicula in München befunden.

BV005356927
Zum Vergleich: Ernst Zinner, Deutsche und niederländische astronomische Instrumente des 11.-18. Jahrhunderts, München 1956, S. 110-112

BV019692497
Zum Vergleich: Hester Higton, Sundials. An Illustrated History of Portable Dials, London 2001, S. 26-30

BV035084486
Zum Vergleich: Die Münchner Kunstkammer. Katalog Teil 2 Bd. 2, Willibald Sauerländer, Bayerische Akademie der Wissenschaften (Hrsg.), München 2008, S. 573, Kat.-Nr. 1833 (1729)

BV035961453
Zum Vergleich: Catherine Eagleton, Monks, Manuscripts and Sundials. The Navicula in Medieval England (History of Science and Medicine Library)Folge 13, Leiden Boston 2010

BV017924397
Zum Vergleich: David A. King, 14th-Century England or 9th-Century Baghdad?. New Insights on the Elusive Astronomical Instrument Called Navicula de Venetiis (Variorum Collected Studies Series ; 977), in: Astrolabes from Medieval Europe, Farnham 2011, Teil IX, S. 204-226

BV046636561
Zum Vergleich: John Davis, The Navicula. Made in Medieval East Anglia?, in: BSS Bulletin 29. Jg. Heft 2, 2017, S. 15-23

BV044872012
Zum Objekt: Aukt.-Kat. Dorotheum Wien (Hrsg.): 2018.04.04, Lot Nr. 491, Auktion Palais Dorotheum, Historische wissenschaftliche Instrumente, Globen und Fotoapparate. Wien 2018, Kat.-Nr. 491

BV046162522
Zum Objekt: John Davis, A Renaissance Navicula, in: Bulletin of the British Sundial Society Heft 31/2, Bd. Juni, 2019, S. 13-16, S. 13-16, Abb. 1-4

BV002596995
Zum Objekt: Jahresbericht Bayerisches Nationalmuseum München 2016-2018, Frank Matthias Kammel (Hrsg.), München 2019, S. 69 f.

BV002539476
Zum Objekt: Münchner Jahrbuch der bildenden Kunst, 3. Folge, Bd. 70, München 2019, S. 209, Abb. Abb. 2

BV049807210
Zum Objekt: Ausst.-Kat. Bayerisches Nationalmuseum, 25.04.2024–01.09.2024: Traumschiffe der Renaissance. Schiffspokale und Seefahrt um 1600, Frank Matthias Kammel (Hrsg.), München 2024, S. 247, Abb. Abb. S. 248, Kat.-Nr. Kat.-Nr. 39

Systematik

Gerät - Messgerät - Physikalisches Gerät - Uhr - Elementaruhr - Sonnenuhr

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