Pressematerial
Intervention: Kuckuckseier
Blanche, Susanne Thiemann, 2019/2020
Foto: Bayerisches Nationalmuseum, Bastian Krack
Das aus Kunststoffschläuchen geflochtene Objekt gleicht einem geträumten Phantom, das in das Kabinett quillt. Spannungsreich kontrastiert das spiralig aufsteigende Gebilde mit seiner bewegten Kontur die klare Geometrie der Vertäfelung. Alles in dieser Kombination von Skulptur und Raum verdeutlicht die ungewöhnliche Verbindung von Gegensätzen: Organische Form und klassische Konstruktion ergänzen einander in ihrer Unterschiedlichkeit. Geflochtener Kunststoff verknüpft industriell produziertes Material und eine der ältesten Handwerkstechniken.
Die Kombination ist ein Gleichnis für die Spannung zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Statik und Bewegung, Leere und Fülle, Chaos und Ordnung.
Lucy, Martin Kargruber, 2017
Foto: Bayerisches Nationalmuseum, Bastian Krack
1974 entdeckte man in Äthiopien das fossile Teilskelett eines 3,2 Millionen Jahre alten weiblichen Vormenschen. Der Fund wurde Lucy genannt. Die Entstehung eines künstlerischen Bildes von Lucy waren von Gedanken an die Hl. Maria Magdalena von Riemenschneider überlagert: einer behaarten, in der Einöde lebenden Büßerin.
Beide Darstellungen zeigen nackte weibliche Figuren mit Ganzkörperbehaarung. Obwohl Behaarung eine Schutzfunktion erfüllt, ruft sie am weiblichen Körper nicht erst heute Abscheu hervor und wirkt als Affront. Die Gegenüberstellung der virtuos geschnitzten Figuren provoziert Fragen zu Ähnlichkeiten und Unterschieden in der Betrachtung dieses Phänomens im Lauf der Zeit.
Großes Schweb, Ulrike Prusseit, 2023
Foto: Bayerisches Nationalmuseum, Bastian Krack
Ein seltsam fragmentiertes Wesen erscheint gegenüber den Repräsentationsporträts des Kaiserpaares. Die barocken Gemälde stehen für eine Epoche dynastischer Prachtentfaltung, die für Frauen mit einer strengen Ordnung verbunden war. Im Kontrast zu den Ganzfigurenbildern zitiert die Anziehpuppe aus Papier, schön und gesichtslos, Muster weiblicher Repräsentation: dekorativ nach außen, hinter der Fassade aber Ängste und Abgründe.
Die Arbeit stellt eine Frage, die gestern wie heute gilt: Welche Strategien entwickeln Frauen zwischen Anpassung und Selbstbehauptung, im Spannungsfeld von Prachtentfaltung und Ohnmacht, Superlativ und Scheitern?
Liegende/Cut, Nicole Frenzel, 2022/26
Foto: Bayerisches Nationalmuseum, Bastian Krack
In der Gegenüberstellung dieses Ensembles mit spätgotischen Grabplatten treffen unterschiedliche künstlerische Konzepte des liegenden menschlichen Körpers aufeinander.
Lebensgroßen gerüsteten Männern in Stein entgegnet Frenzel mit unterlebensgroßen, weiblichen Figuren – in Ton modelliert und in Gips abgegossen. Diese Körper sind nackt, vertikal zerschnitten. Ihre Posen erscheinen zwischen Entspannung und Hilflosigkeit.
Frenzel bricht Tradition durch Perspektivwechsel. Ihre Liegenden entstehen aus einem weiblichen Körperempfinden heraus. Ihre Erfahrung als Frau in einer männlich geprägten Gesellschaft schreibt sich in jede ihrer Figuren ein.
Zeitfenster, Monika Humm, 2025
Foto: Bayerisches Nationalmuseum, Bastian Krack
Mit seiner Landschaft eröffnet die Mitteltafel des Flügelaltars einen stillen, atmosphärischen Raum. Das „Zeitfenster“ kommentiert sie in Form eines Antependiums, einer Bekleidung des Altarblocks. Humms Malerei ergänzt die helle, strahlende Farbigkeit der Mitteltafel. Sie führt die von der venezianischen Malerei inspirierte Atmosphäre in Landschaft und Himmel des Bildhintergrunds der Heiligen Sippe auf eigene Weise fort.
Das „Zeitfenster“ vermittelt einen Zustand des Wartens, des Dazwischen, der sowohl religiös als auch existenziell verstanden werden kann. Es zielt auf einen Moment des Innehaltens – einen kleinen aktuellen Einschnitt im Fortgang der Zeit.
meine Keule - deine Keule, Maria Rucker, 2024
Foto: Bayerisches Nationalmuseum, Bastian Krack
Angesichts der Herkulesfiguren von Boos rückt die Künstlerin die Waffe des antiken Helden ins Zentrum der Betrachtung: ein Zeichen für rohe Gewalt. Ihre Auseinandersetzung zielt auf die Frage: Wo endet Gewalt als Handlung und wo beginnt sie als Struktur? Die Keule gilt ihr als grundsätzlicher bildhafter Ausdruck von Konflikten, der unentwirrbaren Spirale von Streit und Gewalt.
Die Position ihrer beiden Keulen ist Einladung, die Dynamik von Konflikten und Entscheidungsprozessen zwischen Aggression und Hingabe zu reflektieren. Wie kann Gewalt in Besonnenheit und Verantwortung transformiert werden? Durch genaues Hinsehen, um die Verletzlichkeit hinter der Fassade der Aggression und ihrer Akteure zu entdecken?
Hortus Coclusus, Gotlind Timmermanns, 2022
Foto: Bayerisches Nationalmuseum, Bastian Krack
Das einem Panorama ähnliche Werk steht im Spannungsfeld von Wirklichkeitswiedergabe und symbolhafter Bedeutung. Hortus conclusus, lateinisch für umschlossener Garten, meint
in der christlichen Bildsprache den Paradiesgarten. Der goldene Hintergrund ist ein Zitat gotischer Tafelmalerei, in der Gold den Glanz des Göttlichen vergegenwärtigt. Die abgebildeten Pflanzen können nach ihrer symbolischen Aussagekraft gedeutet werden.
Die mehrteilige Installation umfängt bei der Betrachtung wie ein begehbarer Paradiesgarten, wie die Idee des Heiligen. Das Heilige schließt eine Benutzung aus. Der Garten wird zu einem der diesseitigen Welt entzogenen Raum, zu einem Ort, der vor allem Unheil bewahrt.
Angesicht, Frauke Sohn, 2025/26
Foto: Bayerisches Nationalmuseum, Bastian Krack
Welche Kunstgattung kommt der Wirklichkeit am nächsten? Dieser alten Frage stellt sich Frauke Sohn: Ausgangspunkt sind starke Gesichter von Skulpturen, etwa im nebenstehenden Altarschrein. Sie lässt sich von Mimik und Ausstrahlung der Figuren inspirieren, dem Ausdruck von Freude, Gelassenheit, Nachdenklichkeit oder Trauer.
Ihre Bilder sind keine Kopien, sondern Übersetzungen von Skulptur in Malerei, gemalte Interpretationen. Die alte Frage im Wettstreit der Künste bleibt aktuell: Was kann die Malerei zeigen, wie kein anderes Medium?
Weitere plastische Werke, die Inspirationen für Interpretationen der Künstlerin waren, finden Sie in den Sälen: 16, 17, 24, 42, 43 und 46.
missed, Esther Glück, 2026
Foto: Bayerisches Nationalmuseum, Bastian Krack
Esther Glücks künstlerisches Werk kreist um Verlust und Verschwinden. Ihre Jesusfigur entstand in Auseinandersetzung mit dem Geißelchristus von Egid Verhelst hinter dem schmiedeeisernen Gitter. Doch dieses Bildwerk ist „verschwunden“. Zurück blieb eine Negativform aus Gips in mehreren Teilen. In diesen Hohlformen zeichnen sich Gesicht und Körperteile ab. Was das Modell dieser Abformung detailliert zeigte, lässt sich nur ahnen.
Ist dieser Jesus aus unserer Welt geflohen? Ist der Glaube an Frieden und Menschlichkeit verloren – oder dürfen wir ihn vorläufig nur als vermisst melden? Die Installation fordert zur Spurensuche auf: Was bleibt von einem Ideal, wenn die äußere Form zerbricht?
MUTABOR, Christine Ott, 2026
Foto: Bayerisches Nationalmuseum, Bastian Krack
Die Installation basiert auf dem markanten Fliesenboden aus der Erbauungszeit des Museums. Essstäbchen, deren Maße der Kante einer Fliese entsprechen, sind gefärbt und zu Kuben, diese dann zu einem labil-stabilen Gerüst montiert: Die Fläche wird zur Linie. Die Linie wird zum Körper. Aus zweidimensionaler Ordnung wird dreidimensionales
Chaos und Instabilität. Flaches Bodenmuster wandelt sich in eine komplexe räumliche Zeichnung.
Mit ihrer Schlichtheit treten die Stäbchen in Opposition zur Kostbarkeit der Exponate. Zugleich repräsentieren sie mögliche Wandlungsprozesse.
MUTABOR, entlehnt aus “Die Geschichte von Kalif Storch“, ist ein lateinisches Zauberwort: „Ich werde mich verwandeln“.
geschützt und gehindert, Anna Frydman, 2025
Foto: Bayerisches Nationalmuseum, Bastian Krack
Der Ritter ist eine männliche Symbolfigur, ein Kämpfer, dem Sprache und kollektives Bewusstsein fast durchweg positive Eigenschaften zuschreiben. Populäres Kennzeichen des Ritters ist die Rüstung. Sie bot Schutz vor Schlagwaffen, machte ihren Träger aber zugleich schwerfällig.
Unsere Kleidung ist die Rüstung von heute. Sie schützt, sie beeinflusst und demonstriert unsere Gefühle. Wie die Rüstung kann sie körperlich und emotional einengen. Frydmans Textilpanzer sind in Material, Technik und Form eigenwillige Werke, ihre Oberflächen weich und doch abweisend und dicht. Bunt und auffällig kommentieren sie die stählern glänzenden Harnische und setzen ihnen eine weibliche Note entgegen.
Doppelhose | C-Shirt, Andreas Zingerle, 2006 bzw. 2008
Foto: Bayerisches Nationalmuseum, Bastian Krack
In der Gegenüberstellung mit historischen Gewändern entfalten beide Arbeiten eine verstörende Kontroverse zwischen historischem und modernem Material. Der Guss in Beton entzieht Kleidungsstücken ihre textile Leichtigkeit und Geschmeidigkeit. Er überführt sie in einen Zustand der Unvergänglichkeit, der jedoch die Abwesenheit des menschlichen Körpers spürbar macht.
Ein erstarrtes Shirt, eine „versteinerte“ Hose sind wie auf Figurinen gezogene Kleider immer auch Zeugnisse fehlender lebendiger Körper. Die in Beton gegossenen Hüllen wirken wie moderne Fossilien, die den Kontrast zwischen der industriellen Härte des Zements und der fragilen Reflexion menschlicher Existenz ausloten.
FIAT LUX, Felix Weinold, 2025
Foto: Bayerisches Nationalmuseum, Bastian Krack
Der Zeitungsausriss erzählt eine haarsträubende Räuberpistole von einem angeblichen Autounfall aufgrund der Ablenkung des Fahrers durch eine übersinnliche Erscheinung, die sich angeblich auf dem Airbag des Autos manifestiert habe. Forscht man genauer nach, stellen sich alle Hinweise als Teile einer Verschwörungserzählung heraus: Das Datum des Ereignisses ist der Tag, an dem Donald Trump die Wahl zum US-Präsidenten verlor und von da an behauptete, er habe gewonnen. Der Fahrer, Abbé della Piccola, ist eine zwielichtige
Gestalt aus Umberto Ecos Roman „Der Friedhof von Prag“.
Die Installation thematisiert die Faszination von Wundern und Reliquien, die menschliche Schwäche für Übersinnliches und Verschwörungstheorien.
Hündin, Baldur Geipel, 1962-1967
Foto: Bayerisches Nationalmuseum, Bastian Krack
Geipels Bronzeplastik zeichnet sich durch klare Formgebung und ruhige Konturierung aus. Zugunsten der Reduktion auf das Wesentliche und Charakteristische des abgebildeten Geschöpfes verzichtet er auf überflüssige Details. Scheinbar beiläufig ist eine typische Bewegung des Tieres beobachtet und im Kunstwerk auf lebendige Weise bildgeworden.
Optisch reizvoll erzeugt die Verbindung der reduzierten Körperlichkeit mit einer eleganten Bewegung und der rauen, leicht zerklüfteten Oberflächengestaltung eine expressive Natürlichkeit. Im Gegenüber von Hubert Gerhards meisterhaften Hunden bildet die Plastik eine großartige Antwort der Moderne auf die Wirklichkeitserfassung der
Spätrenaissance.
Quadrolog, Cosima Strähhuber, 2001
Foto: Bayerisches Nationalmuseum, Bastian Krack
Die zum Ring geformte Querflöte besitzt vier Mundstücke. Sie kann daher von bis zu vier Spielern benutzt werden, die einander gegenüberstehen. Durch das gleichzeitige Hineinblasen ergeben sich Interferenzen der Luftsäule der Flöte, und der Tonumfang verändert sich.
Hier ging es um die Fragen: Wie genau kann eine Komposition festgelegt werden? Wieviel Intuition ist erlaubt? Ist es zu schaffen, solch ein Instrument gemeinsam zufriedenstellend zu bespielen? Wer und was bestimmt, wann etwas eine Komposition, also Kunst ist?
Das Instrument wurde 2001 einmal gespielt und in den Proben eine Art Komposition erarbeitet. Sie wurden graphisch festgehalten. Das Konzert ist filmisch dokumentiert.
Eine Scheibe, Daisuke Ogura, 2020
Foto: Bayerisches Nationalmuseum, Bastian Krack
Das Sitzen ist heute Basis vieler gesundheitlicher Probleme. Die Installation, die dieser vielgepflegten Tätigkeit gewidmet ist, kombiniert einen Hocker, eine Plastik und ein Video vor einem barocken Stuhl. Sie thematisiert mit dem Sitzen verbundene Entscheidungen und Bewegungen.
Eine Tonscheibe wird im Rohzustand mit dem Gesäß des Künstlers geformt und dann gebrannt. Auf der Sitzfläche des Hockers erscheint daher die Form seines Hinterteils. Die Darstellung konzentriert sich auf den Kontrast zwischen den selbstbestimmten Bewegungen des Körpers und denen des Gesäßes, das nur bedingt bewegt werden kann.
So gilt die Präsentation nicht dem spartanischen Möbelstück, sondern ausgestellt wird das Sitzen.
Himmel und Hölle, Eike Berg, 2026
Foto: Bayerisches Nationalmuseum, Bastian Krack
Die Folge mittels skizzenhafter Linien in Ton geritzter Bilder ähnelt einem archaischen Comic. Autobiografisch erzählt sie von einer existenziellen Erschütterung: der Trennung von einer langjährigen Partnerin und der Wiederbegegnung mit einer unerfüllten Jugendliebe zwischen Pfingsten 2023 und Ostern 2026.
In Material, Form und Bild zeigen die Elemente der Serie Verwandtschaft mit mittelalterlichen Fliesen. Deren Tierdarstellungen waren meist festgelegte Sinnbilder für verwerfliche Triebe und Handlungen und hatten moralisierende Funktion. Heute verlagert sich die Auseinandersetzung mit den stets wiederkehrenden inneren Dämonen vielfach ins Individuelle.
Präsenz und Absenz, Elisabeth Mehrl, 2026
Foto: Bayerisches Nationalmuseum, Bastian Krack
Schatten sind unauffällig, aber allgegenwärtig. Im Museum verwandeln sie detailreiche Skulpturen in abstrakte Flächen und geheimnisvolle Gebilde. Aus plastischen Gegenständen werden Flächen. Im Schatten berühren sich Anwesenheit und Abwesenheit. Der Schatten ist eine Wirklichkeit jenseits des Greifbaren.
Die Installation reflektiert die Wahrnehmung von Kunstwerken über ihre Schatten. Während Postkarten in der Regel das Kunstwerk abbilden, sind die „Schatten-Postkarten“ Instrumente der Bewusstmachung. Ihre Motive verweigern den offensichtlichen Bezug. Schattenbild und Angabe auf der Kartenrückseite regen zu Reflexion, spielerischer Suche und intensivem Schauen an.
Bijoux Granates, Eva Ruhland, 2007
Foto: Bayerisches Nationalmuseum, Bastian Krack
Die „Schmuckgranaten“ inszenieren tödliche Waffen als kostbare Dekorations- und Statusartikel. Nicht nur, doch besonders hier im Waffensaal entfalten sie ihre doppelbödige Wirkung: Vergleichbar einem zeitgenössischen Echo auf die glänzenden historischen Zeugnisse von Status und Macht. Sie entlarven die zeitlose Verführungskraft
destruktiver Kräfte, die sich gestern wie heute hinter Gold und Lack zu tarnen wissen.
Ruhland verkehrt den Charakter von Objekten in ihr Gegenteil. Sie umwerben das Auge und stacheln mit Schönheit und Kostbarkeit unsere Begierden an, um erst beim genauen Blick ihre militärischen Formen und somit aggressives Gewaltpotential zu offenbaren. Subtil stellen sie damit unsere Wahrnehmungsweisen auf die Probe.
Silent Observer, Kiki Stickl, 2026
Foto: Bayerisches Nationalmuseum, Bastian Krack
Das Werk antwortet auf die Vogelmotive auf den Flaschenkühlern in der Vitrine gegenüber.
Vögel sind Zeichen von Freiheit und Ungebundenheit, wurden und sind aber zugleich Opfer von Jagd, Kolonialisierung, Industrialisierung und Wandel ihres Lebensraums.
Die Tafeln zeigen Vögel im leeren Bildraum. Markante farbige Pinselstriche berühren sie und bilden eine erste Infragestellung ihrer Existenz. Der Hintergrund des glänzenden Aluminiums wirkt als Ebene der Abstraktion: Die Vögel kommen wie aus dem Nichts in die Wirklichkeit des Museums. Erst die Beschriftung am unteren Bildrand verrät, dass die Vögel als ausgestorben gelten.
Jahreskalender (überzeichnet), Manfred Mayerle, 2024/25
Foto: Bayerisches Nationalmuseum, Bastian Krack
Mit der Installation lesen wir in einem persönlichen Skizzenbuch. Ein Buchkalender wurde zum täglichen Zeichenbuch: Entstanden über ein Jahr lang an wechselnden Orten und dann in einer Videoarbeit dokumentiert. In der Abfolge der Seiten bilden sich Serien, in denen Varianten, Abweichungen und Neuansätze sichtbar werden. Mit dem Einblick in das intime Medium nimmt man an der Arbeit des Künstlers teil: dem Suchen, Entdecken, Verwerfen und Finden.
Nicht zufällig erfolgt die Präsentation der Bücher – Medien des Geistes – angesichts einer spätgotischen Tafel, die den Kirchenvater Augustinus mit einem Buch in Händen zeigt.
Dat Uschi - Katastrophäe, Olaf Probst, 2020/2026
Foto: Bayerisches Nationalmuseum, Bastian Krack
Atompilze sind faszinierende Gebilde. Die Explosion der Bombe wurde poetisch als das Strahlen von tausend Sonnen beschrieben. Diese Ästhetisierung ist der trügerische Schein einer tödlichen Wahrheit: der menschlichen Fähigkeit zur totalen Selbstauslöschung.
Bilder der Explosion sind mahnende Trophäen von Katastrophen, sichtbar nur mittels technischer Apparaturen. Sind sie also Trugbilder? Die Katastrophäe, materiell nichts als von Klebstoff umschlossene Luft, gleicht einer blockierten Explosion. In ihrer kunstvollen Erscheinung lauert die Verstörung zwischen Faszination und Schrecken: Wird die Katastrophe zum Objekt der Bewunderung, wenn sie sich inmitten historischer Artefakte einnistet?
Handstück (Piece of the Hand), Patricija Gilyte, 2025
Foto: Bayerisches Nationalmuseum, Bastian Krack
Silbern lackierte Motorradhandschuhe auf einer Satellitenschüssel antworten auf die historischen Rüstungen im Raum. Zeitgenössische Schutzbekleidung ist mit musealer Präsentation von Harnischen verschränkt und fragt, was Verteidigung heute bedeutet.
Die Installation ist ein Echo auf alte Abwehrgesten: Allerdings ein Echo, das nicht aus der Schlacht, sondern aus der Garage, vom Balkon und aus dem Nachrichtenstrom zurückhallt. Die Schutzgeste ist keine heroische Pose mehr, sondern überraschende Versuchsanordnung: ein wenig Metallglanz, ein wenig Technik, ein wenig Körperpanzerung – und die stille Hoffnung, dass sich die komplex gewordene Welt vielleicht doch irgendwie abschirmen lässt.
Gewicht des Silbers, Rose Stach, 2026
Foto: Bayerisches Nationalmuseum, Bastian Krack
Im Besitz des Nationalmuseums befand sich langezeit von Münchner Juden mit der Zwangsabgabe 1939 geraubtes Silber. Nach den schon seit der Nachkriegszeit erfolgten Restitutionen existierten hier 2021 noch 110 Objekte ohne bekannte rechtmäßige Eigentümer. Durch ein vom Museum initiierten Erbenforschungsprojekts erhielten die Nachfahren der Beraubten diese Stücke in den letzten Jahren zurück.
Die Installation zeigt einen aus Silberresten gegossenen Stangenbarren, wie er zur Besteckherstellung verwendet wird. Das Video verknüpft restituierte Silberobjekte mit aktuellen Bildern aus dem urbanen Raum — wie Pfandleihhaus und Schaufenster — und verbindet somit Gegenwart und Geschichte.
Selbst als rechter Populist, Thomas Sterna, 2021
Foto: Bayerisches Nationalmuseum, Bastian Krack
Sterna verschränkt Selbstreflexion mit der Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse. Die Kleinplastik zeigt ihn in der Pose des Redners: auf den ersten Blick nahbar und zeitgemäß, bei genauer Betrachtung beunruhigend. Seine Gestik kritisiert eine politische Haltung, die sich hinter bürgerlichen Fassaden verbirgt. Der rechte, rückwärts gestreckte Arm verharrt in Lauerstellung, jederzeit bereit empor zu schnellen.
Die Präsentation in der Vitrine rückt das Werk in die Tradition historischer Kleinplastik. Der markante Unterschied besteht im digitalen Ursprung der Figur. Die technologische Kühle unterstreicht die Austauschbarkeit populistischer Identität und hinterfragt durch ironische Brechung.
Pressegespräch am 23.07.2026
v.l.n.r.: Prof. Dr. Andreas Kühne, Ehrenpräsident, Esther Glück, Künstlerin, Dr. Antje Günther, Präsidentin (alle drei Neue Münchner Künstlergenossenschaft), Dr. Frank Matthias Kammel, Generaldirektor Bayerisches Nationalmuseum
© Bayerisches Nationalmuseum, Foto: Bastian Krack
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