Sammlung

Französisches Stundenbuch

Künstler/in
Entstehung
Frankreich (?)
Datierung
um 1510
Material
Seiten: Pergament, Tinte, Gold, Deckfarbenmalerei; Einband: Leder, Blindprägung
Maße
H. 13,3 cm, B. 9,0 cm, Buchformat 8°, Seitenumfang (Blätter) 115
Standort
Bayerisches Nationalmuseum (nicht ausgestellt)
Inventarnummer
Bibl. 3508
Bezug
Zugang
Ankauf 1860, Aus der Sammlung Martin Joseph von Reider, Bamberg

Geschichte Über die Entstehung sowie den Erstbesitzer sind über die Darstellung des Stifters auf 7r und 99v sowie die zwei unterschiedlichen Wappen hinaus keine Hinweise im Buch zu finden. Beischriften auf den Miniaturseiten weisen allerdings auf einen französischen Ursprung. Freue Besitzeinträge deuten auf einen Joannes (Rest unleserlich) Das Stundenbuch gehörte einst dem Bamberger Zeichenlehrer Martin Joseph von Reider (1793-1862), dessen Sammlung 1859/60 in das Bayerische Nationalmuseum München im Gegenzug zu einer Leibrente gelangte. Wie seine handschriftliche Notiz auf dem Vorsatzblatt II v vermerkt, erwarb Reider das Stundenbuch am 25. November 1825: „Martinus Jos: de Reider. Bambergae.1825.Nov.25.“ Die alten Signaturen des Bayerischen Nationalmuseums „857“, sowie die Nummer „3480“ sind ebenfalls auf diesem Vorsatzblatt zu finden. Äußeres Pergament, (marmoriertes Vor- und Nachsatzpapier in Blau, Rot und Gelb: Bl. I-III, I-III) III + 115 + III Bl. (oben rechts nachträglich mit Bleistift paginiert), 13 x 8,5 cm. Schriftspiegel: 7,5 x 4,6 cm (Kopfsteg: 1,5 x 8,5 cm; Bundsteg: 13 x 1,8 cm; Seitensteg: 13 x 2,1 cm; Fußsteg: 4 x 8,5 cm), 23 Zeilen. Schriftart: Bastarda. Fleuronné-Ausläufer an einzelnen Buchstaben der obersten (z.B. Fol. 103 r, 104 v) oder untersten Zeile (z.B. Fol. 86 r, 59 r) Zur Gliederung zahlreiche Initialen und Lombarden im Fließtext. Einige Seiten und Blätter leer: Fol. 47 v, 48 r, 48 v, 49 r, 49 v, 90 r, 90 v. Aufbau: Evangelienperikopen, Marienoffizium, Offizium vom Heiligen Kreuz, Offizium des Heiligen Geists, Bußpsalmen, Totenoffizium. Kalender fehlt Einband: brauner Lederumschlag über Makulatur auf Holz, Blindpressung: Oval mit Christuslamm und Kreuzfahne in einem Strahlenkranz. Rahmen aus Blumen, Blatt- und Fächerranken. Goldschnitt weitgehend abgegriffen. Ausstattung Zahlreiche Initialen in Gold oder Blau auf Rot- oder Goldgrund. Lombarden, abwechselnd in Blau und Rot. Fleuronné-Zeilenfüllelemente in Blau und Rot. 20 kleine Miniaturen mit unterbrochenem Bordürenrahmen und eingeschlossenem Textfeld in Deckfarben und Gold. Initialen vor Rot- oder Goldgrund, häufig über den rechteckigen Hintergrund ausgreifend. Verschiedene Verzierungen (u.a. Schneckenförmig, Ranken, Punkte) im Innenfeld der Initialen, meist in Farbe der dazugehörigen Initiale. Manchmal Tiere oder Pflanzen in den Binnenfeldern: Distelfink (?, Fol. 30 v), weiße Blumen (Fol. 33 v), rote Blumen (Fol. 36 r), rosa Blumen (Fol. 41 r), Fliege (Fol. 99 v). Farben: Rot, Gold, Blau, Weiß. Zeilenfüllelemente mit Fleuronné (z.B. Fol. 64 r, 105 r, 112 v, 113 r), Farben: Blau, Rot. Kleine Miniaturen mit unterbrochenem Bordürenrahmen und eingeschlossenem Textfeld. Die Miniaturen richten sich nach dem Schriftfeld. Bordürenrahmen: Goldene Flächen mit Blumenranken und Früchten in verschiedenen Formen (Knospenranken (Fol. 1 r), diagonale Streifen (Fol. 2 v, 5 v, 56 r, 96 r, 99 v, 103 r), Ecken (Fol. 4 r, 30 v, 36 r, 91 r), organisch runde und vegetabilische Flächen (Fol. 7 r, 22 v, 33 v, 45 r, 50 r, 53 r), Herzen (Fol. 41 r)). Dazwischen entweder goldene und blaue Blattranken, mit schwarzen Punkten in den Leerstellen, oder blaue und rote Farbfelder mit weißen Ranken (Fol. 91 r, 96 r, 99 v 103 r). Manchmal Schriftbänder, Tiere und Wappenschilder (siehe Einzelbeschreibungen) Bordürenrahmen sowie Textfeld mit brauner Kontur gerahmt. Maße: 6,5 x 4,6 cm, oben halbrunder Abschluss. Farben: Rot, Grün, Blau, Braun, Gold, Schwarz, Weiß. 1 r Johannes mit Adler auf der Insel Patmos. Im Hintergrund ein Hügel mit mehrtürmiger Architektur. Bordürenrahmen: in unterer Bildmitte ein Wappenschild (unten spitz zulaufend): In Rot goldener Sparren, begleitet von drei silbernen (?) Kreuzen. Links unten ein Vogel. 2 v Lukas mit Stier in einem dunklen Raum. Bordürenrahmen: Links unten ein Drache. 4 r Matthäus mit Engel in einem dunklen Raum mit Fenster und grünem Wandbehang rechts. Bordürenrahmen: in unterer Bildmitte Wappenschild wie Fol. 1 r. Rechts ein Drachen. 5 v Markus mit einem Löwen an einem Pult sitzend. Im Hintergrund ein halbrund geschlossener Raum mit zwei Fenstern, rechts ein Buch. Bordürenrahmen: Unten ein rosa Schriftband mit roter Schrift: „BIEN:VIVRE:BIEN:MOVRI“ 7 r Maria mit Kind und von einem heiligen Bischof empfohlenen betenden Stifter. Bordürenrahmen: Rechts unten ein gelb-roter Vogel. 22 v Heimsuchung: Maria zu Besuch bei Elisabeth vor burgartigem Anwesen mit goldenem Dach mit Garten. Kopf der Elisabeth verwischt. Bordürenrahmen: Links ein gelb-roter Vogel. 30 v Geburt Jesu. Bordürenrahmen: Rechts unten ein Drache. 33 v Verkündigung an die Hirten: Hirtin und Hirt mit Schafsherde und Hund nach oben zu zwei Engeln blickend. Im Hintergrund Landschaft mit einem Holzfäller. Bordürenrahmen: Links unten ein angedeuteter Drache. 36 r Anbetung der Heiligen Drei Könige. Bordürenrahmen: mittig unten ein Wappenschild (unten spitz zulaufend; zwei sich kreuzende Stäbe mit breitem Knauf in Gold; In den Feldern ovale Gebilde (Miesmuscheln?)). Rechts unten ein gelb-roter Vogel. 38 v Darbringung im Tempel. Bordürenrahmen: roter Hintergrund mit weißen Ranken. Vier Spruchbänder in Gold, davon zwei mit roten und zwei mit grünen Buchstaben: Rot: „BIEN.VIVRE.BIEN.MOVRI“; Grün: „BENE.VIVERE.BENE.MORI“. 41 r Flucht nach Ägypten mit Engel. Im Hintergrund das Einstürzen eines Götzenbildes. 45 r Marienkrönung: Maria kniet vor Gottvater. Bordürenrahmen: mittig unten ein Wappenschild, ähnlich wie auf Fol. 36 r, aber mit dunkelvioletten Rosen (?). 50 r Kreuzigung Jesu. Soldatengruppe rechts stark verwischt. Bordürenrahmen: mittig unten Wappenschild wie Fol. 1 r und 4 r. Rechts unten ein Drachen. 53 r Empfang des Heiligen Geistes an Pfingsten. Bordürenrahmen: Rechts ein Fabelwesen. 56 r büßender David, kniend vor Betpult und Harfe. Bordürenrahmen: mittig unten ein Wappenschild wie Fol. 45 r. 67 r Trauerszene um Sarg in Kirche. Blauer Stoff mit goldenen Lilien über Bank im Vordergrund, blauer Stoff mit goldenen Schmuckelementen auf dem Sarg. Bordürenrahmen: drei Schriftbänder in rosa, gold und blau: jeweils „BIEN:VIVRE:BIEN:MOURI“. 91 r Mariä Verkündigung. Architekturrahmen um Miniatur: zwei Säulen mit Tympanonabschluss (Giebelfeld ist ausgespart); Akanthusblätter an Giebelrahmen. 96 r Strahlenkranzmadonna mit Kind. Architekturrahmen um Miniatur: zwei Säulen mit Tympanonabschluss, wie Fol. 91 r. Bordürenrahmen: Unten ein gelb-brauner Vogel. 99v Beweinung Christi mit betendem Stifter. Architekturrahmen um Miniatur: zwei Säulen mit angedeutetem Tympanonabschluss; geschwungen Blattornamentik an der oberen Kante und Spitze. Bordürenrahmen: mittig unten ein Wappenschild wie Fol. 1 r, 4 r und 50 r. Diagonale Streifen, abwechselnd in Gold mit Blumenranken und in Rot oder Blau mit weißen Ranken. 103 r Christus am Kreuz mit kniender Maria und hockendem Johannes. Architekturrahmen um Miniatur: zwei Säulen mit angedeutetem flachen Baldachinrahmen. Akanthusblätter an Bogenrahmen. Die Miniaturen zeugen von einem kräftigen Farbcharakter, der sich vor allem auf die Farben Rot, Grün und Blau beschränkt. Innerhalb der Figuren findet sich wenig plastische Ausarbeitung. Die Gesichter sind nur wenig modelliert und sind teilweise nur sehr grob angedeutet (z.B. Fol. 4r). Die Falten der Gewänder sind hauptsächlich durch dunkle Schraffuren und Goldhöhungen wiedergegeben. Das Stundenbuch weist einige Beschädigungen und Verschmutzungen auf. Der Ledereinband ist am Vorder- und Rückdeckel leicht abgegriffen und abgerieben. Gerade am Rückdeckel finden sich im Leder einige Löcher (Wurmfraß), die einen Blick auf das Holz darunter bieten. Der Buchrücken ist stark abgegriffen, beschädigt und an den Kanten blättert das Leder ab. Die Pergamentblätter weisen zum Teil starke Verschmutzungen, Farbverwischungen und -abdrücke auf (z.B. Fol. 2 v, 6 r, 7 r, 49 v, 50 r, 100 r, 115 v) Auf Fol. 115 v wurde auf den Seitensteg ein senkrechter Pergamentstreifen aufgeklebt (7,4 x 1,3 cm; darunter noch Spuren von Schrift?). Die Schrift auf Fol. 91 v – 95 v zeigt einen deutlichen Unterschied in Tintenfarbe und Verzierung. Die Tinte erscheint in einem kräftigeren Schwarz und es fehlen keine Verzierungen, wie Lombarden. Diverse Handschriftliche Zusätze, die von unterschiedlicher Hand zu stammen scheinen: Fol. 2 r „Ex libris Joann[…]“ (nicht weiter identifizierbar); Auf Fol. 48 r der Zusatz „Mondieu je vous“, der sich in der Schriftart von der Besitzanzeige Joseph Reiders auf dem Vorsatzblatt II v (siehe Geschichte) deutlich unterscheidet (wohl 16. Jh.); Möglicher Besitzvermerk auf Fol. 115 v nicht lesbar (Joann…?). Das Stundenbuch ist in der Literatur und Forschung noch weitgehend unbeachtet.

BV040803219
Zum Objekt: Matthias Weniger, Die Büchersammlung des Bayerischen Nationalmuseums und die Bibliothek des Martin von Reider, in: Münchner Jahrbuch der bildenden Kunst Folge 3, Bd. 62, München 2011, S. 203-250, S. 225

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